Schneeballsysteme, einfach und effizient

Montag, den 21. September 2009 um 09:20 Uhr

Schneeballsysteme, einfach und effizient

Der schnelle Weg zu fremdem Geld

Als Schauspielerin war Adele Spitzeder nicht so erfolgreich, dass sie ihren aufwändigen Lebensstil davon hätte finanzieren können. Aber sie verfügte über eine gute Erziehung und ein überzeugendes Auftreten. Zusammen mit einem gewissen schauspielerischen Talent hatte sie also das Handwerkszeug, mit dem sich im Leben viel erreichen lässt. Als sie wieder einmal völlig ohne Geld dastand, kam sie auf eine ebenso einfache wie geniale Idee: Sie bot einem Zimmermann aus ihrem Bekanntenkreis an, bei ihr 100 Gulden Kapital anzulegen. Dafür sollte er monatlich 10% an Zinsen bekommen. Ganz generös bezahlte sie die Zinsen gleich für 2 Monate im Voraus. Der Zimmermann war von diesem lukrativen Geschäft so begeistert, dass er nicht nur einwilligte, sondern auch seinen Freunden und Bekannten von dieser tollen Gelegenheit vorschwärmte. In der Folgezeit wurde Adele Spitzeder mit Geld geradezu überschwemmt. Landwirte verkauften ihre Höfe, um von den Zinsen gut zu leben. Spitzeder gründete eine Bank in München, die im Volksmund nach der Straße, in der sie sich befand, „Dachauer Bank" genannt wurde. Mit dem hereinströmenden Geld tat sie nichts weiter, als die „Zinsen" der vorherigen „Anleger" zu bezahlen. Eine Buchhaltung gab es nicht. Es blieb natürlich reichlich Geld übrig, um selbst nun endlich angemessen auftreten zu können. Inklusive großzügigem Stadtpalais nahe der Münchener Residenz. Zur Volksheldin wurde sie allerdings durch ihre Wohltätigkeit. Sie gründete unter anderem die erste Münchener Suppenküche zur Armenspeisung. Adele Spitzeder war ganz oben. Sie kam allerdings schnell wieder herunter, als eine Gruppe von Anlegern, misstrauisch geworden, das Kapital zurückverlangte. Das ging natürlich nicht. Das Schneeballsystem platzte, die Bank ging mit 8 Millionen Gulden Verbindlichkeiten pleite und Frau Spitzeder tauschte das vornehme Stadtpalais mit einem soliden Gefängniszimmer. Geschehen 1873.
Adele Spitzeder ist heute eine geschichtliche Figur, schillernd und, nach so langer Zeit, fast sympathisch. In Büchern, Theaterstücken und sogar im Film wurden ihr Denkmäler gesetzt. Die vielen Menschen, die ihretwegen die Existenz verloren und sich sogar aus Verzweiflung das Leben genommen hatten, sind vergessen.

Charles Ponzi, aktiv in den frühen 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts in den USA, ist Namenspate für das nach ihm benannte „Ponzi Scheme". Das ist die gebräuchliche angelsächsische Bezeichnung für ein betrügerisches Schneeballsystem. Seine Geschäftsgrundlage war eine einfache Idee, mit der er seine Anleger überzeugen konnte: Er gab vor, die Preisdifferenz internationaler Postantwortscheine zu nutzen, um Gewinn zu machen. In USA bekam man solch einen Schein, der als Rückporto bei Postsendungen zwischen verschiedenen Währungsgebieten benutzt wurde, für 6 Cent. Bedingt durch den Verfall der europäischen Währungen nach dem ersten Weltkrieg musste man in Europa 20 Cent dafür zahlen. Ponzi kaufte also die Scheine in USA und verkaufte sie in Europa. Sagte er. Einwänden, dass der Handel damit gesetzlich nicht möglich sei, begegnete er mit der Behauptung, er habe einen Weg gefunden und die Details seien eben sein Geschäftsgeheimnis. Um das in großem Stil machen zu können, nahm er Geld von Anlegern entgegen. Das klang sinnvoll und lockte Investoren in hellen Scharen an. Die Konditionen waren ja auch verlockend: Wer 10.000 Dollar gab, erhielt ein Zertifikat, auf dem sich Ponzi verpflichtete, nach 90 Tagen 15.000 Dollar zurückzuzahlen. Bis zu 15 Millionen Dollar sammelte er in kurzer Zeit von rund 40.000 Kunden ein, bis die Medien aufmerksam und erste Anleger misstrauisch wurden. Jemand rechnete nach, dass Ponzi für das eingesammelte Geld rund 160 Millionen Postantwortscheine hätte kaufen müssen. Im Umlauf befanden sich aber insgesamt nur 27.000. Das System platzte und die Polizei konnte gerade noch 1,5 Millionen Dollar sicherstellen. Ponzi wurde verurteilt und versuchte nach seiner Haftentlassung erneut einen Betrug mit einem Schneeballsystem. Diesmal mit unbrauchbaren Grundstücken in Florida. Auch dieser Schwindel flog auf und er verschwand für weitere 7 Jahre hinter Gittern. Danach wurde er aus den USA in sein Heimatland Italien abgeschoben, wo er als Held verehrt wurde. Auch er hatte unzählige Existenzen vernichtet und etliche Selbstmorde zu verantworten.

Ein übles Verbrechen

Auch wenn manche Betrüger insgeheim augenzwinkernd für ihre Kreativität, ihre Dreistigkeit und ihren „Erfolg" bewundert werden, ist Kapitalanlagebetrug im wahrsten Sinne des Wortes ein Kapitalverbrechen. Anständige Menschen verlieren ihre Altersversorgung, ihre Lebensgrundlage, ihre Gesundheit, manchmal sogar den Lebensmut und schließlich das Leben. Es ist nicht immer blinde Gier, die Menschen in die Falle tappen lässt. Meist ist es Arglosigkeit und Vertrauen. Wer sich in das Vertrauen von arglosen Menschen einschleicht, um diese dann hinterhältig und skrupellos auszuplündern, ist ein Lump, der keine Nachsicht verdient. Ein Skandal, dass die Justiz davor immer noch weitgehend die Augen verschließt. Umso wichtiger ist die Aufklärung durch die Medien.

Eine Masche, die immer modern ist

Bis heute funktionieren auch großangelegte Betrügereien nach dem einfachen Prinzip, das sich die vorgestellten „Pioniere" der Betrugsbranche zunutze gemacht hatten. Bereits der erste „Anleger" finanziert das Wachstum des Systems. Seine ersten „Erträge" bekommt er von seinem eigenen Geld und weiter von den Einlagen der neuen Geldgeber. Der Betrüger glänzt mit einer guten Bankauskunft und kann sehr schnell Referenzen vorstellen. Schließlich zahlt er ja gut und pünktlich. Wenn er dann jahrelang immer schön pünktlich bezahlt hat, ist er über jeden Zweifel erhaben. Wie Bernard Madoff, dem viele Jahre lang nicht einmal eine detaillierte Anzeige bei der US-Aufsichtsbehörde SEC etwas anhaben konnte. Einen reichen Wohltäter und Mäzen stellt man eben nicht in Frage. Klarsichtige Kritiker werden als Neider oder erfolglose Konkurrenten diffamiert, die sich am „Erfolg" der Lichtgestalt stören. Solch ein System kann über viele Jahre funktionieren bis eine Störung eintritt. Vielleicht ist das Neukundenpotential erschöpft, eine Krise oder wachsendes Misstrauen führt dazu, dass immer mehr Anleger ihr Geld zurückverlangen. Dann kann oder will der Betrüger nicht mehr zahlen und macht sich aus dem Staub. Oder versucht es jedenfalls.

Der Betrüger verkauft die heile Welt

Das große Erfolgsgeheimnis erfolgreicher Betrüger ist ihre unbestreitbare soziale Kompetenz. Sie sind angenehme Gesellschafter und gute Geschichtenerzähler. Eine gute „Story" ist schließlich ihre Geschäftsgrundlage. Und anders als bei ernsthaften Beratern, die über alle nur denkbaren Risiken aufklären müssen, gibt es bei ihnen keine nennenswerten Risiken. Weil der Kunde das Geschäft, aus dem der Ertrag letztlich kommen muss, nicht im Detail versteht, gibt er sich mit Oberflächlichkeiten zufrieden. Gute Atmosphäre, heile Welt, vielleicht eine kurzweilige Besichtigungsreise, eine exklusive Clubzugehörigkeit - ein Interessent, der sich wohl und wichtig genommen fühlt, unterschreibt leichter. Vertrackt daran ist, dass auch seriöse Vermittler und Verkäufer sich derselben Mittel bedienen (müssen). Wie also erkennt man den Unterschied?

Hier einige Grundsätze, wie man die Spreu vom Weizen trennt:

1. „Dracula" - Der Fürst der Finsternis

Sobald ein unseriöses Angebot dem Tageslicht ausgesetzt ist, zerfällt es zu Staub. Zu seriösen Kapitalanlagen gibt es immer (!) einen Prospekt, der das angebotene Geschäft detailliert beschreibt, der alle Beteiligten natürlichen und juristischen Personen mit ihrer Funktion, Anschrift, Registerdaten, Beteiligungs- und Abhängigkeitsverhältnissen nachvollziehbar enthält. Auch, wenn Sie als Anlageinteressent nicht so tief einsteigen wollen oder können. Mit einem ordentlichen Prospekt können Sie Ihre Anlage jederzeit unabhängig überprüfen lassen und im Notfall Ihre Partner darauf „festnageln". Wenn Ihr Berater einen solchen Prospekt nicht oder „erst nach Kapitalnachweis" aushändigen will, Finger weg! Manchmal sollen Sie sogar Geheimhaltungsklauseln unterschreiben. Dann wundern Sie sich nicht, wenn der Verbleib Ihres Vermögens auch vor Ihnen geheim bleibt.

2. Vorsicht vor „lustlosen" oder inkompetenten Beratern!

Dem Autor sind mehrere Fälle begegnet, in denen Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Rechtsanwälte und Bankangestellte geradezu himmelschreiend unseriöse Angebote einfach durchgewinkt haben. In einem aktuellen Fall an der Costa Blanca steht ein Rentnerehepaar durch einen dreisten Trick kurz davor, ohne nennenswerte Gegenleistung das Haus zu verlieren. Um sich abzusichern hatten die alten Leute das Angebot einem bekannten Steuerberater in Denia und dem Bankdirektor „ihrer Hausbank" vorgelegt. Beide fanden nichts an dem wirklich haarsträubenden Angebot auszusetzen. Eine Kapitalanlage prüft man nicht „mal eben so im Vorbeigehen". Ein unseriöses Angebot ist für den echten Fachmann manchmal auf den ersten Blick zu erkennen, meist innerhalb weniger Minuten. Einem Angebot Seriosität zu bescheinigen, erfordert mehr Mühe. Stunden, manchmal Tage oder, wenn weitere Recherchen nötig sind, sogar Wochen und Monate. Lassen Sie sich eine Expertise lieber schriftlich geben, damit Sie sicher sein können, dass der Experte sich wirklich damit beschäftigt hat.

3. „Rumpelstilzchen" - „ach wie gut, dass niemand weiß ..."

Ein seriöser Partner sagt Ihnen vor Abschluss unmissverständlich, wer er ist und in wessen Auftrag er arbeitet. Und belegt dies auf Wunsch. Ein Firmenschild ist schnell angebracht. Wir erleben immer wieder, dass sich unseriöse Anbieter ständig umbenennen oder mit einer „sauberen" Firma auftreten, die Kapitalanlage aber in eine andere, manchmal ähnlich klingende Gesellschaft fließt, die manchmal sogar außerhalb unseres bekannten Rechtssystems angesiedelt ist. Gern schmückt man sich auch mit fremden Federn und wirbt mit dem Namen oder Logo einer renommierten Firma, die, bei Licht betrachtet, nichts mit der Anlage zu tun hat.

4. „Hütchenspiel" - Wer hat das Geld?

Vielfach wird mit Treuhand- oder Notarkonten geworben, um eine sichere Abwicklung darzustellen. Das ist grundsätzlich auch gut so, sollte aber nicht dazu führen, dass Ihre Aufmerksamkeit nachlässt.
• Erste Frage: Wer ist der Treuhänder? Gibt es ihn und ist er, was er zu sein vorgibt? Lassen Sie sich die Kontaktdaten nicht vom Vermittler geben, sondern suchen Sie sich die Daten selbst heraus. Er könnte ja auch ein Strohmann sein.
• Zweite Frage: Welchen Auftrag hat der Treuhänder? Was muss er prüfen, bevor er das Geld herausgibt?
• Dritte Frage: Wie kommt das Geld zum Treuhänder? Wenn Sie das Geld nicht selbst an den Treuhänder weiterleiten, sondern dem Vermittler geben, damit der das Geld weiterleitet, können Sie sich den Treuhänder gleich sparen.

5. Womit wird der Ertrag verdient?

Auch, wenn Sie das Geschäft nicht verstehen, gibt es doch einige logische Überprüfungen. Beispiel: Von Ihrem Geld soll ein Grundstück gekauft und bebaut werden. Das fertige Objekt soll dann mit Gewinn verkauft werden. Ihr Partner verspricht Ihnen eine zweistellige Rendite, die ab dem ersten Monat ausgezahlt werden soll. Wie soll das gehen? Nur von Ihrem eigenen Geld! Und womit wird dann gebaut? Anders bei fertigen, vermieteten Objekten. Da gibt es Eigentumsnachweise und Mietverträge.

6. Garantien

Mit Garantien soll vielfach die Aufmerksamkeit des Anlegers eingelullt werden. Nur, wer ist der Garantiegeber? Weiß der davon? Unter welchen Umständen greift die Garantie? Ein Anbieter pries eine „notariell garantierte Rendite von 12 Prozent" an. Glauben Sie, dass ein Notar, der noch bei Verstand ist, solch eine Garantie abgibt? Oder dass es eine ernstzunehmende Versicherungsgesellschaft gibt, die Kapital und 12 Prozent Rendite versichert?

7. Rechtsstellung des Anlegers

Welcher Art ist das Recht, das Sie mit Ihrer Kapitalanlage erwerben? Geben Sie ein Darlehen und erwerben Sie einen Zins- und Rückzahlungsanspruch? Werden Sie Mitunternehmer, typisch oder atypisch still Beteiligter? Ist Ihr Ertrag und die Rückzahlung des Kapitals von geschäftlichem Erfolg oder gar von Glück abhängig? Mal kommt es auf die Bonität dessen an, der Ihr Geld bekommt, mal auf die Tüchtigkeit, auf äußere Einflüsse oder das Aufgehen eines Geschäftskonzepts. Ein seriöser Anbieter wird dazu ausführliche Informationen zur Verfügung stellen.

8. Die „perfekte Kapitalanlage"

Fast jeder wünscht sich die Kapitalanlage, die maximal sicher ist, höchst rentabel und jederzeit verfügbar. Dieser Wunsch ist nicht ganz leicht zu erfüllen. Letztlich ist eine Kapitalanlage, die diese Wünsche weitgehend erfüllt, immer ein Kompromiss, entweder mit Schwerpunkt auf die eine oder andere Eigenschaft. Oder ein Konzept, das mehrere Kapitalanlagen sinnvoll kombiniert. Viele Anbieter, auch vermeintlich seriöse Institute, verpacken ihre Produkte jedoch so hübsch, dass die Kunden sie kaufen, ohne wirklich zu wissen, was sich dahinter verbirgt. Also ist es wichtig, die Verpackung zu lupfen und hineinzuschauen. Glauben Sie, dass hunderttausende von Anlegern Lehman-Zertifikate gekauft hätten, wenn sie gewusst hätten, was das wirklich ist? Ganz leicht hat es auch hier wieder der Betrüger. Er kann leichten Herzens das Blaue vom Himmel versprechen. Er muss es ja nicht halten. Ein paar Monate oder Jahre Vorsprung reichen ihm.

9. Der klarsichtige und ehrliche Berater zerstört Illusionen

Er trübt das heile Weltbild mit Risikodarstellungen, Abwägungen, Unbequemlichkeiten. Er macht es sich und Ihnen nicht leicht. Schließlich geht es um Ihr Vermögen. Das bringt ihn gegenüber dem Betrüger, der weder Risiken noch Probleme kennt, in den Nachteil. Aber - wollen Sie lieber dem Spitzenverkäufer gegenübersitzen, oder jemandem, der Ihre Bedürfnisse ernstnimmt?

10. Holen Sie ruhig eine zweite Meinung ein

Aber achten Sie darauf, dass der Berater ihre Belange ernstnimmt. Weder zu oberflächlich ist, noch einfach das zu prüfende Angebot einfach vom Tisch wischt und seine eigenen Angebote aus der Schublade holt. Es gibt viele Wege zum selben Ziel und auch gute Produkte. Ein guter Berater akzeptiert das.

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